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GEHEIME ORTE: Lagerkeller der Rhönbrauerei

Tänzeln über den Tanks fürs Bier

aus “Freies Wort” vom 27.01.2007

VON THOMAS KLEMM
KALTENNORDHEIM – Die Rhönbrauerei Dittmar in Kaltennordheim ist kein geheimer Ort. Im Gegenteil: Hier werden für Besuchergruppen sogar Besichtigungsrundgänge angeboten. Aber: Einen Bereich gibt es dennoch in diesem Betrieb, den nur wenige Menschen betreten dürfen. Und um dtanksahin zu gelangen, muss man sich erst einmal richtig kleinmachen.
Die Tür in der Mauer misst gerade einmal einen Meter in der Höhe. Man muss in die Hocke gehen, um sie passieren zu können. Dahinter ist ein aufrechtes Stehen wieder möglich. Dafür sollte man nun umso schwindelfreier sein. Denn man steht plötzlich vor einem schmalen Gang, der lediglich aus Gitterrosten besteht, und der einen ziemlich unverbauten Blick in zehn Meter Tiefe erlaubt.
Das Laufen über diese Gitterroste bis hin zum Ende des Ganges dürfte nicht jedermanns Sache sein. Wenigstens kann man sich an einem Geländer festhalten. Andererseits erstreckt sich die Gebäudedecke nur wenige Zentimeter oberhalb des Kopfes. Man kann sie direkt mit den Händen greifen. Links und rechts von dem schmalen Gang sind die Deckel riesiger Kessel zu sehen. Das Ambiente vermittelt den Eindruck einer drangvollen Enge, die nur durch die zehn Meter Luft unter den Füßen abgemildert wird, wenn man das in dieser Situation so sehen mag. „Wo sind wir denn hier gelandet?“, fragt sich der Besucher besorgt. „Auf dem Kontrollgang im Lagerkeller“, erklärt Braumeister Franz-Josef Brehm schmunzelnd.
Für ihn ist dieser Ort so normal wieder jeder andere auf dem Gelände der Brauerei. Den Gitterrost-Gang entlang tänzelt man an elf großen sogenannten zylinderkonischen Lagertanks vorbei, in denen das „kühle Blonde“ aus der Rhön sechs bis acht Wochen reifen muss, bevor es ausgeschenkt werden kann.
Die Chefin darf das natürlich auch
Alle vierzehn Tage werden die Vakuum- und Sicherheitsventile dieser zehn Meter hohen Tanks überprüft. Weil die obendrauf sitzen, muss man sie eben auch von oben erreichen können. Zudem werden die Spritzköpfe der Behälter regelmäßig gesäubert. Auch das geschieht von hier oben. Diese Jobs teilen sich der Braumeister, der Brauer Thomas Hübner und der hauseigene Schlosser Hans-Otto Dittmar.
Selbstverständlich hat auch die Brauerei-Chefin Christel Reukauf Zugang zu diesem „geheimen Ort“. Ansonsten aber ist der Zutritt nicht erwünscht; die kleine Tür deshalb auch immer fest verschlossen.
Einen Blick auf die gigantischen Tanks kann man trotzdem werfen, und zwar ohne, dass es einem dabei schwummrig im Bauch wird. Durch das Sudhaus und den Gärkeller gelangt man nämlich auch von unten in den Lagerraum und steht schließlich am Fuße der jeweils 30 000 Liter fassenden Tanks. Beim Blick nach oben erkennt man den Gitterrostgang, der zwischen den silberglänzenden Zylindern zu schweben scheint.
Den Gang durch das Sudhaus, den Gär- und Lagerkeller bis hin zur Endstation der Exkursion, dem Schalander, unternehmen jährlich etwa 4000 bis 5000 Besucher der Kaltennordheimer Brauerei. „Die Leute sind immer wieder überrascht, wie modern es hinter unseren altehrwürdigen Mauern zugeht“, meinte die Firmenchefin Christel Reukauf. „Unsere Fassade stammt ja noch aus der Zeit der Firmengründung um 1900. Aber im Innern des Gebäudes hat sich im Laufe der Jahre schon sehr viel getan.“
Und nicht nur hier: Auch die Lagertanks sind nicht mehr dieselben wie zur Zeit der Gründung. Die zehn Meter hohen Gefäße wurden erst vor sieben beziehungsweise drei Jahren nach und nach in der Brauerei installiert – mit großem technischem Aufwand. Zwei große Kräne hatten die Edelstahltanks damals an ihren Platz im Lagerkeller gehoben. Sie ersetzten die ungleich kleineren Tanks. Weil der Keller wegen der Tanks mehr als zehn Meter hoch ist, wurde er von einem Gast irgendwann zur „Kathedrale der Brauerei“ ernannt.
Während übrigens bei den großen Lagertanks nach der Leerung die Säuberung fast komplett automatisiert vollzogen werden kann, mussten die Brauer früher beim Saubermachen der kleinen Tanks noch richtig Hand anlegen, erinnert sich der Braumeister zurück. „Das war dann meist Sache der Lehrlinge. Die mussten durch die Öffnung in den Tank kriechen, um ihn von innen saubermachen zu können. Das war nicht jedermanns Sache. Einer unserer Lehrlinge ist an dieser Aufgabe richtig gescheitert. Der bekam Platzangst in dem Tank. So schnell wie der damals drin war, war er auch wieder draußen. Aber das Reinigen gehörte nun einmal zum Job. Heutzutage würde die Lehre an so etwas nicht mehr scheitern, aber zu jener Zeit war es eben so.“
Zur Kühlung in den Berg gebaut
Noch etwas ist viel moderner als früher. Die Kühlung der jetzigen elf Tanks erfolgt vollautomatisch. Damit das Bier reifen kann, braucht es konstante minus 0,5 Grad Celsius. Früher musste die Temperatur im Lagerkeller möglichst bei diesem Wert gehalten werden. Deshalb hat man diese Gebäude gern „in den Berg“ gebaut, um auch im Sommer die entsprechende Kühle nutzen zu können.
Das „in-den-Berg-Bauen“ hat man auch bei der Errichtung des Kaltennordheimer Unternehmens gemacht. Und deshalb findet sich noch heute die Tür zum Kühlhaus ebenerdig auf dem Hof der Brauerei. Aber sobald man durch die kleine Tür gegangen ist, tut sich eben eine Tiefe von zehn Metern unter den Füßen des Besuchers auf.
Drauf-Blick haben diejenigen, die hier Zutritt haben: Sie sehen die riesigen Bier-Edelstahltanks von oben. In regelmäßigen Abständen sind hier Kontrollen der Ventile nötig. Braumeister Franz-Josef Brehm und Chefin Christel Reukauf kennen diesen Ort. - Foto: Klemm
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