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Anstich

Kaltennordheim. Am Freitag, dem 15. August, war die neue Thüringer Justizministerin Marion Walsmann von der CDU wirklich und wahrhaftig genau 99 Tage im Amt. Das hatte der findige Bürgermeister von Kaltennordheim, Ulrich Schramm, genau registriert. Kein Wunder! Der Mann ist ja nebenher auch noch Schulmeister, nämlich Direktor des Kaltensundheimer Gymnasiums. Also, der wies auf diese 99 Tage beim Bockbieranstich in der  Rhönbrauerei Dittmar gezielt darauf hin und empfahl der jungen hübschen Ministerin, sich heute noch einmal dem Vergnügen und auch dem süffigen Bier hinzugeben, da ab dem 17. August die Schonfrist vorbei sei. Marion Walsmann meinte lachend, sie werde den Rat befolgen, falls es ihr gelänge, das Bockbierfass wirklich anzustechen. Gesagt, getan: Nach zwei kurzen Schlägen floss bereits der Gerstensaft. Die anderen Minister wie Schuster, Reinholz, Trautvetter, Goebel u.a. hatten länger gebraucht. Trotzdem schwor Brauerei- Chefin Christel Reukauf, dass nicht manipuliert worden sei. In Ihrer Rede zum Anstich im Rahmen des diesjährigen Brauereifestes wies sie allerdings wenn auch launig darauf hin, dass sie gegen die Bevormundung des mündigen Bürger von Seiten des Staates große Bedenken hege. Das Rauchen in gemütlicher Stammtischrunde wurde bereits verboten, damit würde nicht nur ein Stück deutscher Bier- und Kneipenkultur sterben, sondern auch traditionsreiche Existenzen, Treffpunkte, Arbeitsplätze und Steuergelder. Sei der nächste in der Reihe vielleicht der Alkohol überhaupt? Dann Fettes und Süßes? Der gefährliche Sport? Am Ende die Liebe? Es sollte statt Verbote lieber sinnvolle Strategien der Aufklärung entwickelt werden. Christel Reukauf erhielt für ihre Rede viel Beifall. 

Bockbier und Pulverqualm

Kaltennordheim - Die Böllerschüsse waren weit in die Ferne zu hören. Dabei qualmte es auf dem Gelände der Rhönbrauerei Dittmar am Sonntagnachmittag gewKanonenaltig, als die 15 Kanonen und einige Handböller gezündet wurden. Es war das vierte Rhöner Kanonen- und Böllerschießen, das diesmal im Rahmen des Brauereifestes in Kaltennordheim stattfand. Organisiert wurde das Spektakel von der Schützen Gesellschaft Dermbach, die es seit 1885 gibt und 1996 wiedergegründet wurde. Mit drei Kanonen, einer großen und zwei funktionstüchtigen Modellen im Nachbau, reisten die Dermbacher Schützen am Ziegenhauk an. Vorn dran der Vorsitzende des Vereins Gunter Schulz, der das Kommando zum Schießen in der Reihe oder zum gemeinsamen Schießen, zur Salve, gab. Mit dabei war auch der Sport- und Schützenverein „Wilhelm Tell“ aus Aschenhausen. Ihre Kanone ist ein Nachbau aus napoleonischer Zeit, erklärte Günther Rudloff. Der Verein habe es sich zum Ziel gemacht, die Tradition zu bewahren und schießsportliche Leistungen zu fördern. Deshalb gehöre auch ein Pistolen- und Luftgewehrschießstand zur Vereinsaustattung, so der Vorsitzende.

Den weitesten Weg nahm am Tag der Schützenvereine die „Schützengilde 1539“ aus Twiste bei Willingen im Sauerland auf sich, um beim Kanonen- und Böllerschießen dabei zu sein. Ihre Kanone sei saniert, jedoch noch original erhalten. Doch ob Nachbau, klein oder groß – geschossen werden durfte nur mit Schwarzpulver, die Vorlage bestand aus Papier oder Sägemehl. Die Reichweite betrug maximal 30 Meter. Scharfe Munition ist verboten. Zum Glück. Sonst wäre der benachbarte Ort Kaltensundheim in arge Bedrängnis gekommen. Denn nach Angabe des Aschenhäusers Günther Rudloff könne eine echte Kanonenkugel bis fünf Kilometer weit fliegen.

Das Publikum drängte sich scharenweise zunächst um die „Siebenschläfer“ aus Geisa, die mit ihren Alphörnern zum Auftakt bliesen. Danach galt die volle Aufmerksamkeit den Schützen, die alle in Uniform gekleidet waren, dem Zeitalter ihrer Kanonen entsprechend.  Beim Schießen bekam der ein oder andere Zuschauer einen mächtigen Schreck, wenn sich die Schwarzpulverladung lautstark aus dem Kanonenrohr entlud.

Weniger schreckhaft ging es beim vorherigen Umzug der Schützenvereine zu. Begeleitet von den „Kaltennordheimer Spatzen“, den „Urnshäuser Musikanten“ und zahlreichen Zuschauern zogen sie vom Bahnhof bis zur Festhalle am Ziegenhauk. Dort wurden sie von Brauereichefin Christel Reukauf willkommen geheißen. Für jeden Verein stand bereits ein Fass Rhönbier bereit. Neben den verschiedenen Bierspezialitäten der Rhönbrauerei floss auch das unfiltrierte, naturbelassene Bockbier in Strömen. Traditionell vollzog Bürgermeister Ulrich Schramm am Vormittag den Fassanstich. Dass so viele Menschen am Sonntag das Brauereifest besuchen würden, hätte Christel Reukauf nicht gedacht. Umso erfreuter war die Brauereichefin, dass das Wetter mitspielte und sich unzählige große und kleine Besucher bei Musik von „Rhönfeuer“ in der Halle und beim breitgefächerten Angebot davor bis in die Abendstunden amüsierten. Bei der Tombola des Rhöner Wintersportvereins WSV konnte eine Fahrt mit dem Heißluftballon gewonnen werden. Für zwei Kaltennordheimer wurde der Traum wahr. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten wegen ungünstigem Wind startete der Ballon letztlich doch noch in den Abendhimmel und bot den Mitfahrenden eine ganz neue Sichtweise über die herrliche Landschaft der Rhön.

Für die 40 Mitarbeiter der Rhönbrauerei Dittmar ging damit auch ein arbeitsreiches Wochenende dem Abschluss entgegen. Rund um die Uhr waren sie im Einsatz und somit am erfolgreichen Gelingen des 14. Brauereifestes mit beteiligt. Auch die Stützpunktfeuer Kaltennordheim habe beim Aufräumen in der Nacht kräftig mit angepackt, lobte Christel Reukauf. Nachdem am Freitagabend die AC/DC Cover-Band „Beellbreaker“ die Fans in der Festhalle mit den bekannten Hits erfreuten. Auch der Auftritt von „The Firebirds“ sei „hochkarätig“ gewesen. Die Musiker, die sich der Musik aus den 50er und 60er Jahren verschrieben haben, waren bereits zum dritten Mal beim Brauereifest dabei. Unterstützt wurden sie in diesem Jahr mit Akrobatik des Rock`n`Roll Clubs Ilmenau. Jeder Liebhaber des Rock`n`Roll, der an diesem Abend nicht dabei war, habe etwas verpasst, so die Brauereichefin. (sch)

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